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NotizenfürdenMoment-3

Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Sonnenverehrende,

was vom Sommer bleibt: Das Leben und das Glück sind flüchtig und durchaus von äußeren Umständen abhängig.
Die neue Erfahrung: Sonnenbrand. Erinnern Sie sich an den ersten? Sie wissen schon: Dermatitis solaris, die akute Entzündung der Haut, die bekanntermaßen nach zu viel Exposition gegenüber UV-Strahlung entsteht. Die Haut wird rot, heiß und tut weh – die Schädigung der oberen Hautschichten macht sich bemerkbar.

Die Sonne, der Stern, der der Erde am nächsten ist. Ihre Strahlung ist eine Grundvoraussetzung für das Leben auf der Erde. Darüber hinaus strukturiert sie unsere Tage und beflügelt den Geist auf vielfältige Weise. Denken wir nur an Richard Strauss’ sinfonische Einleitung zu „Also sprach Zarathustra“ – ein unvergesslicher Sonnenaufgang. Oder an Charles Baudelaire, der formulierte: „O Sonne, Ernährer, du Feind kranker Säfte und Keime, Du lässt wie Rosen erblühen die Lieder und Reime, Du lässt die Sorgen verdunsten in leuchtender Luft, Wie den Bienenkorb füllst du das Hirn uns mit Süsse und Duft; …“. Gudrun Gut und Blixa Bargeld bleiben in ihrem Text zum Tagesgestirn etwas kryptischer: „Die Sonne, Aus Blicken erblühen, Ich auch, Neuronen neu gekoppelt, Fingerspitzengefühl, Hypothalamus berührt ganz sanft, Strahlend, Die schönscheinende Hochzeit, Nichts zu beweisen, Nur Fingerspitzengefühl, Und ich bin da, …“.
Wollen wir dem Sinn hinter den Worten auf die Spur kommen, müssen wir der eigenen Wahrnehmung vertrauen.

Apropos Wahrnehmung: Wenn der Sonnenbrand des Abends, nach dem Sonnenbad, seinen Schmerz so richtig entfaltet, hilft vor allem sanftes Kühlen und viel Feuchtigkeit – also auch viel trinken, vor allem natürlich Wasser. Nach ein paar Tagen des Sonnenentzugs und der Regeneration, ist der Schmerz auf der Haut zumeist Geschichte. Doch nun juckt es. Die oberste Hautschicht beginnt ihren Abschälprozess. Die Erkenntnis des Sonnenbrandneulings mündet im Entschluss, eine solche Aktion nicht zu wiederholen.

Der Anlass von Sonnenbrand ist ein interessantes Zusammenspiel aus gesellschaftlichem Schönheitsideal, neurobiologischen Belohnungsmechanismen und psychologischen Verdrängungsstrategien. Obwohl die Gefahren des Sonnenkonsums weitestgehend bekannt sind, setzt sich Mensch dennoch gerne dem Risiko einer möglichen Verbrennung aus. Vielleicht, weil die Welt durch die Sonne überhaupt erst sichtbar wird und sie deshalb zum zentralen Orientierungspunkt für Wahrheit und Erkenntnis wird – also gut ist … ganz im Sinne Platons?

Auch Nietzsche nutzt unter anderem das Sonnenmotiv in seinem Aphorismus „Der tolle Mensch“ um den „Tod Gottes“ als dramatischen Verlust von Orientierung darzustellen: „Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich jetzt? […] Stürzen wir nicht unaufhörlich?“
Ohne die Sonne, als absoluten Wert verliert der Mensch seine Richtung und fällt dem Nihilismus anheim. Er müsste dann lernen, sich ohne dieses metaphysische Zentrum zu orientieren.

Wo wir schon bei Orientierung sind, möchten wir natürlich direkt auf das Programm des Kulturhauses hinweisen, wie auch auf den Spielplan des Kinos. Eine Prise Kultur schafft schließlich Orientierung. Im Idealfall lässt sie uns sogar hinter die Sonne blicken. Olafur Eliasson Installation „The Weather Project“ schaffte 2003 eine wunderbare Reflexion über das Sonnenlicht und damit weiterführend über das Wetter. Eigentlich und vielmehr aber ging es dabei um Wahrnehmung: darum, wie sehr etwa der Kulturbetrieb diese beeinflusst und welchen Stellenwert Erfahrung dabei einnimmt.
Erkenntnis ist also das oberste Ziel – und natürlich die Frage, was wir mit ihr im täglichen Leben machen. In diesem Sinn …

Vielen Dank für Ihre Besonnenheit sagt
Michael Pfeil