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NotizenfürdenMoment-3

Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Gedankenverlorene,

üble Nachrede ist uns allen ein Begriff.
Man sagt, sie sei die feigste aller Waffen, weil sie im Verborgenen ansetzt, mit Gerüchten operiert und das Opfer wehrlos zurücklässt. Wir leben in einer Welt, die das Tuscheln perfektioniert hat, meist nur, um Abgründe freizulegen.

Doch was ist, wenn man diese Waffe umdreht? Wenn man den Dolch der Nachrede in Honig taucht? Wenn vorsätzlich positive Nachrede betrieben wird? Eine jubelnde Nachrede könnte man sagen, die konsequent die übertriebene Wahrheit verbreitet, sodass dem Ruf des Betroffenen ebenso bleibender Schaden droht – natürlich in bester Absicht.
Dabei könnte sich ein logisches Dilemma auftun: Ein guter Leumund ist wie ein scheues Reh. Zerrt man ihn zu sehr ins Rampenlicht, verfälscht man seine Natur.

Insofern wohnt beiden Redearten einem beeinträchtigendes Potential inne. Opfer von Rufmord könnten juristische Hilfe in Anspruch nehmen, um ihren guten Namen zu verteidigen und die Wahrheit ans Licht zu bringen. Aber Opfer übertriebener Lobpreisung?

Tatsachenbehauptungen sind objektiv überprüfbar, und ihr Wahrheitsgehalt lässt sich grundsätzlich nachweisen. Meinungsäußerungen hingegen enthalten Interpretationen, persönliche Einschätzungen und Werturteile. Sie entziehen sich der objektiven Überprüfung und lassen sich nicht ohne Weiteres in die Kategorien wahr und falsch einordnen. Sie bewegen sich in einem Zwischenraum, in dem Wahrnehmung, Absicht und Wirkung miteinander konkurrieren. Und wenn dazu die Übertreibung kommt, wird selbst der beste Leumund zur Lobhudelei und aus der vermeintlichen Tugend eine Art Rufmord mit umgekehrtem Vorzeichen.

Doch wie verhält sich derjenige, dessen Ruf auf diese Weise angeschlagen wird? Wie begegnet man einem Lob, das so überschwänglich ausfällt, dass es nur knapp an eine Beleidigung vorbeischrammt? Wie wehrt man sich gegen Zuschreibungen, die einem schmeicheln und zugleich in eine Rolle drängen, die man weder gewählt hat noch auszufüllen vermag?

Vielleicht liegt die Antwort weniger in der Verteidigung des eigenen Rufs als in der Gelassenheit gegenüber dem Urteil anderer. Anerkennung ist ein Kompliment, ohne deshalb gleich zur Wahrheit über die eigene Person zu werden. Ein kluger Mensch sagte einmal, dass man auch das übertriebene Wohlwollen anderer annehmen könne. Den Überschuss allerdings sollte man dort lassen, wo er entstanden ist: beim Urteil des anderen.

Wo wir gerade beim Urteilen sind, möchten wir Ihnen hier auch das Programm des Kulturhauses wie auch den Spielplan des Kinos zum Urteilen überlassen.

Überhaupt, vielleicht ist es am besten, sich gar nicht erst vom eigenen guten Ruf überzeugen zu lassen. Vielleicht ist der Mensch, über den am meisten Gutes geredet wird, gar nicht der Gute. Vielleicht ist er nur derjenige, über den sich niemand mehr traut, die Wahrheit zu sagen.

Vielen Dank für Ihre Besonnenheit sagt
Michael Pfeil