Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Fortgeschrittene,
Alter, … so als Ansprache unter Freunden, … Du bist jetzt in so einem Alter … wie schnell sich das Motiv doch wandeln kann. Schon ist man bei den Jahresringen. Und da wird es interessant: Wie entwickelt sich die Ansprache weiter.
Grundsätzlich ist man ja immer in einem Alter, in dem dies und das zu sein scheint –bei solchem Appell drängen sich Themen wie Ansichten, Auftreten, Aussehen, Benehmen, Besitzstand, und dergleichen mehr auf.
Das „Du bist jetzt in so einem Alter“-Satzfragment schleicht sich zumeist heimlich ein und markiert auf jeden Fall einen Wendepunkt; ähnlich wie „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens“. Darüber hinaus zeigt es, wie man von anderen wahrgenommen wird. Je nach Zeitpunkt des Sendens oder Empfangens changiert die Formulierung also zwischen Erziehungsmaßnahme oder Karrierewarnung bis hin zur Sorge vor Rollenumkehr – als ließe sich aus der Zahl der Jahre eine zuverlässige Prognose ableiten. Was schon bei Wettervorhersagen mit vager Zuverlässigkeit versehen ist, soll im täglichen Leben nachdrückliche Gültigkeit darstellen.
Und wo wir gerade bei Vorhersagen sind, das Programm des Kulturhauses, wie auch der Spielplan des Kinos sagen natürlich auch vorher, was in nächster Zeit im kulturhäuslichen Tagesablauf passieren wird – aber das mit ziemlich Zuverlässigkeit.
Beim Stichwort Alter möchten wir natürlich auch auf das kommende SPAM Spandau macht Alte Musik-Festival hinweisen, das unter dem Motto »Herzensmusik« vom 19.2.–7.3.2027 stattfinden wird – aber da kommen wir auch später nochmals drauf zu sprechen.
Geht man dem „Du bist jetzt in so einem Alter“ gedanklich auf den Grund, könnte einem die Idee kommen, dass der Sprecher vielleicht nicht nur Sorge um die angesprochene Person hat, als vielmehr auch um die eigene Betroffenheit. Etwa bezüglich Schwierigkeiten, die ins Haus stehen könnten, wenn die erdachte Vision tatsächlich eintreffen würden.
Zudem hat so eine Ansage auch etwas von einer Gebrauchsanweisung, die selbstverständlich dem Wohl aller dienen will. Allerdings hat die Gebrauchsanweisung etwas Paradoxes an sich: sie möchte persönliche Orientierung anbieten, ohne wirklich vorzuschreiben, wie ein Leben auszusehen hat. Nur, schwingt in diesem Vorschlag etwas generell mit, da er ja für Menschen in so einem Alter ist – also ereilt es alle in so einem Alter. Damit würde aus der Orientierung eine Normierung, die wiederum eine verbindliche Festlegung wäre, quasi eine systematische Vereinheitlichung – Schema F. Dann wären wir schlimmstenfalls beim libertären Paternalismus – die lenkend eingreifende Institution, die schon Freiheit lässt, aber natürlich die bessere Entscheidung definiert.
„Du bist jetzt in so einem Alter“ ist ein allerliebst verpackter Beeinflussungsversuch, der die Mündigkeit zu untergraben sucht.
Eine Möglichkeit dieser wohlwollenden Entscheidungshilfe auszuweichen und die Altersfrage wieder zur freundschaftlichen Leichtigkeit zurückzulenken, wäre die Kunst, die Worte zu finden, die sagen: Danke für den Hinweis. Ich probiere es trotzdem selbst.
Vielen Dank für Ihre Besonnenheit sagt
Michael Pfeil