Sehr geehrte Damen,
bitte entschuldigen Sie, dass ich mich einfach so des Themas befleißige,
und sehr geehrte Herren,
es gibt so Begrifflichkeiten, die nicht im Ansatz die Bestimmung spiegeln, die sie mit sich führen – Wechseljahre zum Beispiel.
Was als Vokabular so unbestimmt daherkommt, könnte die Hälfte der Bevölkerung früher oder später direkt betreffen und die andere Hälfte zumindest peripher. Dennoch hat die Situation die Aura eines schwarzen Loches – historisch, kulturell wie strukturell -, was auf gesellschaftlichen Gehirnnebel hindeuten könnte.
Der Mensch als Mängelwesen, wie es der Soziologe Arnold Gehlen feststellte ist ohnehin ein komplizierter Fall. Einerseits ist er nicht an eine spezifische Umwelt gebunden, andererseits biologisch schlecht ausgestattet und unfertiger als andere Tiere, aber dennoch zur kulturellen Kompensation fähig. Bis er soweit ist, braucht es allerdings eine lange Kinderstube, die in einen pubertären Gehirnumbauprozess mündet, was die Illusion erzeugt absolute Kontrolle zu besitzen
Die weiteren Jahre bringen Zipperlein und noch mehr Macken mit sich, die über eine Midlife-Crisis hinweg einem Teil der Menschheit so etwas wie einen „Pubertäts-Flashback“ beschert, während andere ins Infantile zurückkehren. Vom Alltäglichen dazwischen mal ganz abgesehen – aber erklären Sie das mal einer leistungsorientierten Gemeinschaft.
Da ist es doch viel einfacher das Programm der Freilichtbühne zu studieren oder den Spielplan des Kinos, wie auch den des zukünftigen OpenAirKinos.
Dennoch liebe Männer: Stellen Sie sich vor ihr Motor läuft plötzlich ohne Kühlwasser und Schmierstoffe. Da braucht es keine klugen Ratschläge, sondern Verständnis für die Situation. Gegen die Überhitzung könnte man während der Fahrt das Fenster öffnen, aber sich für die gesamte Lage zu interessieren, wäre wahrscheinlich sinnvoller.
Da sich die medizinische Forschung generell eher auf Krankheitsbilder konzentriert, die dann auch noch Männer und Frauen gleichermaßen betreffen sollen, fallen die Wechseljahre durchs Raster. Zudem sind sie nicht einmal eine „Krankheit“, sondern „nur“ ein biologischer Übergang, der in der öffentlichen Wahrnehmung nicht selten mit dem Ende der Attraktivität assoziiert wird.
Vielleicht braucht es einen Perspektivwechsel. Vielleicht jenen, den die Schauspielerin Kristin Scott Thomas der Hauptdarstellerin in einer Episode der Serie „Fleabag“ anbietet – über das Frausein und die Wechseljahre. Die Kurzversion lautet in etwa, dass Frauen im Gegensatz zu Männern ihren Schmerz im Stillen ertragen, weil sie schon mit eingebauten Schmerzen geboren werden. Männer hingegen müssten erst Wege finden, Schmerz zu empfinden, und ersinnen dafür Götter und Dämonen, gehen Sporten oder ziehen in den Krieg.
Die Menopause markiert in ihrer Erkenntnis nicht vorrangig den biologischen „Verfall“ der Frau, sondern befreit sie vom naturbedingten und gesellschaftlichen Diktat der Fruchtbarkeit – sie macht die Frau zum Menschen.
Bei der Gelegenheit könnten wir an Oma denken. Ältere Frauen waren schon immer überlebenswichtig für das Kollektiv. Sie sind es, die nicht nur Geschichten erzählen, sondern Wissen weitergeben und soziale Strukturen festigten.
Wenn also die individuell probaten Mittel für den täglichen Umgang mit den Wechseljahren gefunden wurden, kann das für alle Menschen sehr amüsant werden – Versuch macht kluch!
Vielen Dank für Ihre Besonnenheit sagt
Michael Pfeil