Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Spezialisten und Professionalisten,
Fachleute sind gefragt, aber Experten antworten – unsere vielfältige Medienlandschaft stellt das allzu gern zur Schau.
Ein Experte, so weiß es die altehrwürdige Encyclopedia Britannica, ist jemand, der über besondere Fähigkeiten oder Kenntnisse in Bezug auf ein bestimmtes Thema verfügt. Sucht man den Ursprung des Experten, landet man sprachlich beim lateinischen expertus, was ‘erprobt‘, ‘bewährt‘ meint. Im 19. Jahrhundert, so heißt es, etablierte sich der Experte im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung, als es zunehmend Bereiche gab, die mit dem gesunden Menschenverstand und dem Alltagswissen nicht mehr unmittelbar zugänglich waren.
In der Moderne angekommen, hat sich der Kontext des wissenschaftlich-technischen Fachmanns grundlegend gewandelt. Expertise wird jetzt nicht mehr nur von der Wissenschaft geschaffen, sondern in allen Bereichen der Gesellschaft produziert – in Think Tanks, NGOs, Unternehmen aber auch in Bürgerbewegungen. Das „Experte-Sein“ ist inzwischen an mediale Sichtbarkeit und gesellschaftliche Nachfrage gebunden. Denn wer als Experte gilt, entscheidet sich im öffentlichen Raum.
Zwar bleibt spezielles Wissen die Voraussetzung für einen Experten, aber dieses Wissen dient nicht mehr nur der Aufklärung, sondern wird strategisch eingesetzt, um Entscheidungen und gesellschaftliche Prozesse zu steuern. Expertise ist praxiswirksam, womit die Verbindung von Wissen und Macht offen zutage tritt; was uns direkt zum Programm des Kulturhauses führt, wie auch zum Spielplan des Kinos. Wir als Experten mit spezialisiertem, praxisrelevantem Wissen, wollen damit Ihr Denken und Handeln maßgeblich beeinflussen; deshalb hier auch der besondere Hinweis auf das Konzert der „Five Pints per Mile“ am 8.5. mit Irish Folk „straight from the Pub’s“.
Da so ein Experte also nicht mehr nur Wissensfigur ist, wird Expertise schnell mal zur Ideologie, selbstverständlich mit Autoritätsanspruch und Deutungshoheit, welches Wissen überhaupt als legitim zu gelten hat. Ein sachlicher Diskurs oder Austausch ist dann nicht mehr gefragt.
Schon ein anderer, vielleicht nur differenzierterer Blickwinkel reicht mitunter aus, um als extrem, unsachlich oder gar gefährlich diffamiert zu werden. An die Stelle argumentativer Auseinandersetzung treten pauschale Zuschreibungen: Populismus, Framing, Verschwörung. Eine Grenzziehung verläuft selten sauber, dafür aber umso schärfer.
Wo bleibt dabei die vom Vordenker der Aufklärung, Jean Jacques Rousseau, in Worte gefasste „Volonté générale“? Jener Wille des Einzelnen, der das allgemeine Wohl anstrebt und sich nicht nur der Summe von Einzelinteressen verpflichtet fühlt? „Du hast doch gar keine Ahnung!“ ist ein billiges Mittel zur Ausgrenzung und Machtdemonstration und müsste dem meinungsmachenden Experten, gerade größerer „Leitmedien“, eigentlich zu trivial sein, zumal die Welt bekanntermaßen niemals alternativlos ist.
Manchmal aber zeigt sich doch der zarte Gemeinwille gegen die Deutungshoheit. Etwa dann, wenn mit einer vermeintlich für die Allgemeinheit sprechenden „kritischen“ Darstellung doch keine generelle Zustimmung herstellbar ist, weil der Gemeinwille offensichtlich gar nicht in diese Richtung tendiert. Dann kann die obligatorische Aufforderung: „Was denkt ihr, schreibt es mir in die Kommentare“ nicht der gewünschten Gewissheit folgen; weshalb die Kommentarfunktion plötzlich abgestellt ist … wohl aber nicht, weil die Kommentare zu ordinär waren …
Vielen Dank für Ihre Besonnenheit sagt
Michael Pfeil