Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Lichtscheue,
ist ihnen schon einmal aufgefallen, dass Schatten nur im Einflussbereich des Lichts möglich sind? Grundsätzlich sollen Licht und Schatten untrennbar miteinander verbunden sein, aber während Licht auch für sich stehen kann, ist Schatten immer nur Abglanz. Schatten besitzt keine Eigenständigkeit, er ist bloße Abwesenheit von Licht. Er hat weder Masse noch Energie. Lediglich Überlichtgeschwindigkeit könnte man ihm mathematisch anrechnen, doch selbst die würde nur auf einer Illusion beruhen, weshalb wir dem hier nicht weiter nachgehen.
Gerade weil der Schatten physikalisch substanzlos ist, überrascht es dann schon, dass er eine so reichhaltige Kulturgeschichte hat, die auch noch voller negativer Zuschreibungen ist: das Böse, die Abwesenheit Gottes, Identitätslosigkeit, moralische Zwielichtigkeit. Selbst sprachlich scheut der Schatten gerne das Licht und ist eher ein Schatten seiner selbst.
Jedoch, da auch Lichtgestalten Schatten haben, hat etwa der Psychiater C. G. Jung seinen Scheinwerfer auch auf die unliebsamen Anteile von Persönlichkeit gerichtet. Diese Schattenarbeit, wie er sie nennt, sucht die unangenehme Auseinandersetzung mit den verdrängten Anteilen in der eigenen Individualität. Anstatt diese Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen bei Mitmenschen wahrzunehmen, um sie dann bei denen zu verurteilen und zu bekämpfen, sollte man sich auf seine eigenen Schattenseiten einlassen, um inneren Frieden und äußere Freiheit zu erlangen.
Apropos Freiheit, wenn Sie trotz sommerlicher Temperaturen an Open-Air-Amüsement interessiert sind, möchten wir Ihnen das Programm der Freilichtbühne ans Herz legen, wie auch den Spielplan des OpenAirKinos. Darüber hinaus wollen wir Ihnen den schattigen Spielplan des Kinos im Kulturhaus natürlich nicht vorenthalten.
Zuweilen können die Schattenseiten des Alltags durchaus auch attraktiv sein. Schließlich erleichtert uns der Schatten bei sonnenbetonten Wetterlagen den Aufenthalt im Freien. Mit dem Rausgehen an die Luft geht zwar immer auch das Risiko einher, vornehme Blässe einzubüßen, doch seit etwa 100 Jahren gilt gebräunte Haut desgleichen als Statussymbol. Letztlich ist die Frage nach der Färbung der Haut durch Sonneneinstrahlung immer eine Shakespeare’sche: „Wollen wir die Lilie vergolden?“
Der Schatten jedenfalls, in den man sich zur Kontemplation zurückziehen kann, vermag zum Bindeglied zwischen Gegenwart und Vergangenheit zu werden.
In Anlehnung an Rilkes Zeile aus dem Gedicht „Herbsttag“ – „Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren…“, kann man dann in schwüler Kühle in die gedankliche Schattenarbeit über die verrinnende Zeit des reifenden Lebens eintauchen. Und wenn Schatten schon keine Substanz besitzen, können sie die Gedanken auch nicht beschweren – die Gedanken sind frei.
Vielen Dank für Ihre Besonnenheit sagt
Michael Pfeil