Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Stylistinnen und Stylisten,
Urlaub … Baden gehen … Haare nass … die Frisur ist dahin!
Haare – obwohl sie nicht gleichbedeutend mit Frisur sind, sind sie doch das Problem.
Objektiv betrachtet haben Haare keine überlebenswichtige Funktion mehr. Trotzdem messen wir ihnen eine geradezu überlebenswichtige Bedeutung bei. Als Haupthaar wird die Kulisse auf dem Kopf unbedingt zur Frisur – und wenn die dann nicht sitzt, wird’s schwer. Aber erzähl das deinem Frisör!
Dem können Sie dann ebenfalls das Programm der Freilichtbühne wie auch die Spielpläne des Kinos, hier wie dort anempfehlen.
Die immense Bedeutung der Haartracht entsteht wahrscheinlich schon dadurch, dass sie für jedermann sofort sichtbar ist. Haare sind Ausdruck von Identität, Gesundheit, gesellschaftliche Zugehörigkeit und nicht zuletzt persönlichem Stil.
Obwohl Haare ein Produkt des Körpers sind, gehören sie dennoch nicht wirklich zum Körper selbst. Ihr Dasein ist ein rein kulturelles Konstrukt, genau wie der Umgang mit ihnen und das schon seit Jahrtausenden. Seit der Mensch angefangen hat „Kleidung“ zu tragen, ist der praktische Nutzen der Körperbehaarung zunehmend in den Hintergrund getreten, während die kulturelle Bedeutung der „Frisur“ gewachsen ist.
Wenn es etwa zum Verlust des Haupthaars kommen sollte, steht plötzlich bedeutend mehr auf dem Spiel als bloßer Haarausfall. Dann sind sofort persönliche Vitalität und Attraktivität bedroht. Denken Sie nur an die alttestamentarische Geschichte von Samson, dem seine Geliebte die Haare abschneiden ließ, wodurch ihm seine Kraft, die göttliche Zuwendung und letztlich seine Männlichkeit abhandenkamen.
Allerdings, kann man im religiösen Zusammenhang auch einen gewissen Grad an Spiritualität erreichen und dann sollen Haare auch nicht mehr wichtig sein. Dann spiegelt das wenig sichtbare Haar eher die Loslösung vom Weltlichen und damit die Reinheit und Hingabe an „Gott“ wider.
Zudem schreibt der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief, Kapitel 11: Lehrt euch nicht selbst die Natur, dass wenn ein Mann langes Haar hat, es eine Schande für ihn ist, aber der Frau eine Ehre, so sie langes Haar hat?
Bei der restlichen Körperbehaarung, vom Kopf an abwärts, ist die Sache noch ganz anders gelagert. Seit wir sie nicht mehr wirklich brauchen, offenbart der gesellschaftliche Umgang hier so etwas wie eine Urangst, zu nah am Primitiven oder Tierischen zu sein, weshalb inzwischen generell Weniger als Mehr gilt.
Darüber hinaus haben sich die Haare auch in unserer Sprache manifestiert. Mit mannigfaltigen Haaranspielungen werden Situationen, Gefühle oder Verhaltensweisen erklärt – aber darüber wollen wir uns jetzt keine grauen Haare wachsen lassen.
Ist die Badeausflug also beendet, wird das Haar der Trocknung übergeben, um wieder in den gesellschaftlich akzeptablen Zustand einer Frisur zu gelangen. Dabei wird dann ein oft unterschätzter Aspekt relevant – die mechanische Belastung. Kräftiges Rubbeln und Reiben sollen die Haarstruktur ebenfalls schädigen – was wiederum Schwierigkeiten mit sich bringen könnte, genauso wie die zu warme Luft des Föns.
Könnte also im Badeurlaub die richtige Badekappe die heimliche Krone der Vernunft sein?
In jedem Fall ist es schon interessant mit wie viel lebendigem Sinn wir das eigentlich biologisch tote Gewebe beladen – und das jeden Tag auf neue.
Vielen Dank für Ihre Besonnenheit sagt
Michael Pfeil